BW-Oberliga 2021/22


Hintere Reihe von links nach rechts: Trainer Dragoș Oprea, Zeitnehmer Hans Wendel, Zeitnehmer Wolfgang Mühleisen, Sportlicher Leiter Jürgen Rilli, Physiotherapeutin Nina Sos, Betreuer Manuel Zaksek, Zeitnehmerin Anita Abt

Mittlere Reihe von links nach rechts: Eric Zimmermann, Arian Pleißner, Sven Petersen, Christian Waibel, Stephan Mühleisen, Patrick Watzl, Jonas Schwenk, Nicola Rascher, Jonas Waldenmmaier, Abteilungsleiter Michael Hieber

Vordere Reihe von links nach rechts: Valentin Pick, Wolfgang Bächle, Aaron Fröhlich, Devin Immer, Daniel Mühleisen, Marian Rascher, Tom Abt, Hannes Kauderer

Fehlend: Sebastian Fabian, Gentian Krasniqi, Kai Kiesel, Physiotherapeut Manoj Chamakala, Torwart-Trainer Primoz Prost



Im Oktober 2020 befand sich der TSB Gmünd auf dem besten Wege, eine neue Euphorie auszulösen – doch nach nur vier Spieltagen war die Saison schon wieder beendet. Acht Monate Lockdown wurden im Sommer aus den Gliedern trainiert und die Zuversicht ist groß, eine gute Rolle in der auf 16 Mannschaften geschrumpften Baden-Württemberg-Oberliga (BWOL) zu spielen. Das Problem bleibt jedoch das gleiche: Die Pandemie. Kann die „Corona-Saison“ im zweiten Anlauf zu Ende gebracht werden?
„Danger Zone“ - zur Rockmusik vom Film „Top Gun“ aus den 80er-Jahren läuft die Mannschaft des TSB zu ihren Heimspielen in der Großen Sporthalle ein. Eine „Danger Zone“, sprich eine Gefahrenzone für die Gastmannschaften, war die blau-gelbe Hochburg seit dem Oberliga-Wiederaufstieg 2019 allerdings nur selten. Gerade einmal drei Heimspiele gewann der TSB in diesem Zeitraum. Zur Ehrenrettung der Gmünder Jungs sei gesagt: Nach der (abgebrochenen) Katastrophensaison 2019/20 und dem ersten Lockdown wurden prompt beide Heimspiele gewonnen. Das 34:27 über ambitionierte Weinsberger war ein Ausrufezeichen, das 29:27 gegen die mittlerweile in die Landesliga zurückgezogene Neckarsulmer Sport-Union ein Zittersieg. Beide Male gab es Standing Ovations fü die Mannschaft. Eine Mannschaft, die im Vorjahr stark verunsichert war und extrem verjüngt wurde. Eine Mannschaft, der vom Trainer-Neuling Dragoș Oprea innerhalb kürzester Zeit neues Leben eingehaucht bekam.
 
Doch bevor die Jets ihren Status als Heimmacht wieder endgültig untermauern konnten, grätschte abermals Corona dazwischen. Das Spieljahr war schneller vorbei als es allen lieb sein konnte. Acht Monate lang waren die Hallen gesperrt. Der TSB überlegte laut, ob eine Teilnahme an der kurzfristig ins Leben gerufenen Aufstiegsrunde zur 3.Liga nicht sinnvoll wäre. Doch die Politik verweigerte den aufstiegswilligen Oberligisten den Profi-Status, um trotz Lockdown trainieren zu dürfen. Die Mannschaft selbst bekannte Farbe und verzichtete freiwillig. Eine Entscheidung, die bei allem sportlichen Ehrgeiz Respekt verdient und rückblickend verständlich erscheint. Einen Aufstieg am Grünen Tisch wollte in Gmünd niemand erleben. Doch genau so kam es letztendlich: Der TSV Neuhausen/Fildern wurde von den Landesverbänden auf Basis eines Rankings in die 3.Liga geschickt. Per Losentscheid folgte die TSG Söflingen, während sich die SG Köndringen/Teningen über die Niete ärgerte.
Die bevorstehende Spielzeit zu bewältigen wird aufgrund der weiter unsicheren Coronasituation kein Selbstläufer. Auch deshalb hatten es vor allem die badischen Vertreter bevorzugt, nur eine Halbsaison mit anschließender Auf- und Abstiegsrunde zu spielen, um weniger Partien über die Bühne bringen zu müssen. Die Mehrheit wollte es anders, damit ist der Fall erledigt. Doch die Fragen bleiben. Kann im dritten Anlauf endlich mal wieder eine Saison zu Ende gespielt werden? Was passiert, wenn erneut im Spätherbst nach Saisonbeginn im Seeptember eine erneute Corona-Infektionswelle über das Land hereinbricht? Alles Fragen, auf die Oprea & Co. keine Antworten geben können. Umso wichtiger wird es, gut in die Saison zu starten und schnell Punkte zu sammeln. Damit wäre man für einen etwaigen Abbruch mit Wertung gewappnet. Anstatt auf Spekulationen konzentriert sich der TSB-Coach deshalb lieber darauf, alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, um die abermals verjüngte Mannschaft nach dem achtmonatigen Lockdown in Oberliga-Reife zu bringen.
 
Knapp die Hälfte im TSB-Kader hat diese Reife bereits über einen längeren Zeitraum nachgewiesen. Angefangen beim ewigen Torschützenkönig Aaron Fröhlich, dem quirligen Wolfgang Bächle und Rückhalt Sebastian Fabian. Die zahlreichen Youngster im Team müssen diesen Nachweis, in der vierthöchsten Liga zu bestehen, erst noch erbringen. Acht der 18 TSBler spielten bislang noch in der A-Jugend bzw. haben noch ein weiteres Juniorenjahr vor sich. Zugegeben, Tom Abt, der bereits in den vergangenen beiden Spielzeiten brillierte, besitzt mit 19 Spielen (25 Toren) eine für seine 18 Jahre üppige BWOL-Erfahrung. Mit einem Durchschnittsalter von 22,3 Jahren befindet sich die „junge Rasselbande“ des TSB sogar auf Augenhöhe mit der U23 der HSG Konstanz – die übrigens nur dabei ist, weil sich deren Erste höchst unglücklich aus der 2.Bundesliga verabschiedete.
Doch das junge Alter muss kein Nachteil sein. Das betont auch der Sportliche Leiter Jürgen Rilli im Interview auf den folgenden Seiten. Der TSB baut einerseits auf seine bekannten Stützen, will gleichzeitig aber auch mit jugendlicher Unbekümmertheit punkten – und fährt damit einen langfristig nachhaltigen Weg. „Topstars“ in Gmünd? Die wird es nie geben. Kein Spieler ist größer als das Team. Ein klarer Pluspunkt: Bei den drei Neuzugängen war keine große Integration notwendig. Auch die Mentalität stimmt. In Sachen Einstellung und Kampf verlangt Oprea, dass jeder Spieler zehn Prozent oben drauf packt – die Mannschaft erfüllt das.
 
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Tor: Sebastian Fabian (33) und Daniel Mühleisen (24) bilden nicht nur ein harmonisches, sondern vielleicht eines der qualitativ besten Gespanne der Oberliga. Urgestein Fabian geht in seine 16.Saison beim TSB und ist gemeinsam mit Kapitän Fröhlich der emotionale Anführer im jüngsten Team der BWOL. Talent Devin Immer (18) scharrt bereits mit den Hufen und wird parallel noch für Frisch Auf Göppingen in der A-Jugend-Bundesliga auftrumpfen.
 
Rückraum: Hier war der TSB wohl noch nie so unberechenbar wie derzeit – zumal Oprea ein dynamisches System pflegt. Mit flexiblen Akteuren, aber ohne starres Positionsspiel. Der Einfachheit halber gehen wir dennoch auf altbekannte Weise durch. Halbrechts ist Teamplayer Sven Petersen (22) absolut gesetzt, entlastet wird er vom nicht minder wurfgewaltigen Patrick Watzl (18). Der Youngster benötigt aber noch Entwicklungszeit, um sich an das hohe Niveau heranzutasten. Auf der Spielmacherposition ist Aaron Fröhlich (31) tatsächlich nicht mehr die unangefochtene Nummer eins. Was aber keineswegs daran liegt, dass der zuverlässigste Torjäger schwächeln würde. Sondern vielmehr daran, dass sein einstiger Schüler Tom Abt (18) frühzeitig angedeutet hat, zu welchen herausragenden Fähigkeiten er fähig ist. Auch Marian Rascher (26) ist in seiner zweiten TSB-Saison und nach ausgeheilter Knieverletzung mehr als nur eine Alternative für zwischendurch. Welche Klasse der langjährige Remshaldener mitbringt, stellte er unter anderem beim Auswärtsspiel in Weilstetten unmittelbar vor dem Lockdown unter Beweis. Zu guter Letzt die „Königsposition“: Mit seiner unglaublichen Dynamik hat sich 2020-Neuzugang Nicola Rascher (23) in kürzester Zeit zum Leistungsträger aufgeschwungen. An seiner Seite wetteifern Valentin Pick (18), Gentian Krasniqi (18) sowie der A-Jugendliche Arian Pleißner (17) um Einsatzzeiten. Nicht ganz ausgeschlossen, dass auch einer der Mittelmänner auf die halblinke Positionen ausweicht.
Rechtsaußen: Wolfgang Bächle (27) ist DIE große Konstante bei den Jets. Seit der Rückkehr zu seinem Jugendverein im Jahr 2013 war der Rechtsaußen nicht nur maßgeblich am zweimaligen Oberliga-Aufstieg beteiligt. In der gesamten Zeit verpasste er lediglich eine einzige Partie. „Wolle“ ist der BWOL-Rekordspieler des TSB, auch die Trefferquote spricht für sich. Gleichzeitig ist die Rechtsaußen-Position aber die Achillesferse beim TSB. Sollte Bächle einmal ausfallen, müssten mit Watzl oder Petersen die beiden einzig verbleibenden Linkshänder einspringen.
 
Linksaußen: Eine Wundertüte mit Knall-Effekt? Nach den Abgängen von Moritz Knück (Karriereende) und Aleksa Djokic (TSV Alfdorf/Lorch) setzt der TSB hier voll auf den Nachwuchs. Eric Zimmermann (19) spielte bislang für die Göppinger, Hannes Kauderer (19) für die Gmünder Jugend. Dass dieser Mix aus Dynamik und jugendlichem Elan bestens harmoniert, war in den ersten Trainingseinheiten und Testspielen schnell erkennbar. Das Linksaußen-Duo könnte sich zur großen Überraschung dieser Saison aufschwingen.
 
Kreis: Ob im Mittelblock oder in der offensiven Abwehr, ob mit einem oder zwei Kreisläufern im Angriff. Oprea hat die Qual der Wahl, immerhin kann er auf ein eingespieltes Gespann bilden. Noch dazu handelt es sich um Spieler, die allesamt unterschiedliche Stärken besitzen. Trotz seiner 33 Jahre befindet sich Abwehrchef Christian Waibel körperlich in einem Top-Zustand. Kraftpaket Jonas Waldenmaier (25) ist für die gegnerischen Verteidiger kaum zu halten. Stephan Mühleisen (24) will in seinem dritten TSB-Jahr noch mehr Verantwortung übernehmen. Kräftig zupacken kann auch Youngster Kai Kiesel (19).
 
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Auch wenn im Vorfeld so einiges unsicher war und ist, eines steht jetzt schon fest: Diese neue Saison wird in die Geschichtsbücher eingehen. Es muss ja endlich mal wieder eine Runde zu Ende gespielt werden, wie auch immer das geschehen wird. Und wer weiß, vielleicht liest man später, dass die junge Gmünder Generation dieser Saison ihren Stempel aufdrückte und sich der TSB damit in der Reihe der besten Teams von Baden-Württemberg zurückmeldete. Vielleicht. Hoffentlich aber liest man in den Sportbüchern der Geschichte eines Tages, dass der Beginn dieser Saison im zweiten Pandemie-Jahr 2021 allen Beteiligten in einer schwierigen Zeit sehr gut getan hat – und dass alle gesund geblieben sind.
 
So sehr Corona auch weiterhin den Sport beeinflussen mag: Auf sportlicher Ebene strahlen die Jets eine große Zuversicht aus. Entscheidend wird sein, dass die Mannschaft nicht nur bei außergewöhnlichen Spielen und nicht nur zuhause, sondern im gesamten Ligaalltag konstant gute Leistungen abrufen kann. Den „Jungen Wilden“ des TSB ist jedenfalls einiges zuzutrauen – denn wie schallt es bei der Einlaufmusik auch weiterhin so treffend durch die Große Sporthalle: „You´ll never know what you an do, until you get it up as high as you can go“. Frei übersetzt: „Du wirst nie wissen was du kannst, bis du es nicht auf die Spitze treibst.“
 
Die treuen Gmünder Fans sollten sich für den bevorstehenden Höhenflug ihrer Mannschaft besser fest anschnallen.

(Text und Bilder: Nico Schoch - Mannschaftsfoto: Jörg Frenze)