"Wir sind zu spät in der Liga angekommen": Eine aufregende BWOL-Saison im Rückblick

Keine Absteiger in Handball-Württemberg. Für den TSB Gmünd war das bei allem Übel, das die Corona-Pandemie derzeit mit sich bringt, eine überaus positive Nachricht. Ebenso groß wie der Jubel über den schnellen Wiederaufstieg vor einem Jahr war nun die Erleichterung darüber, als der Klassenverbleib am grünen Tisch perfekt war. Grund genug, ein Jahr im Tabellenkeller Revue passieren zu lassen, welche Lehren die „Jets“ mitnehmen und was besser werden muss, um im noch einmal verschärften Abstiegskampf der kommenden Saison zu bestehen.

Tabellendrittletzter mit sieben Punkte Rückstand zum rettenden Ufer, lediglich vier Siege auf dem Konto und zudem die ligaweit meisten Gegentreffer kassiert: Hätte der TSB Gmünd ein Schulzeugnis erhalten, so würde es wohl den Stempel „akut versetzungsgefährdet“ tragen. Durch die Aussetzung der Abstiegsregelung jedoch ist der voller Ehrgeiz gestartete Oberliga-Rückkehrer noch mit einem blauen Auge davon gekommen. Allerdings betonen der Sportliche Leiter Jürgen Rilli und Interimstrainer Michael Hieber unisono: „Bei noch sieben ausstehenden Spieltagen hatten wir immer noch realistische Chancen, den Klassenerhalt aus eigener Kraft zu schaffen. Immerhin hatten wir nach der langen Verletzungsmisere endlich wieder alle Mann an Bord.“ Was bleibt, ist ein positiver Schlusspunkt: Die letzte Begegnung vor dem coronabedingten Aussetzung des Spielbetriebs Mitte März in Zizishausen gewannen die Gmünder mit 34:33 und bestätigten damit ihren zuvor eingeleiteten Aufwärtstrend.
 
Zumindest in einer Hinsicht zählte der TSB auch in seinem nunmehr fünften Oberliga-Jahr zur Spitzengruppe: Durchschnittlich 446 Fans pro Heimspiel wurden nur von vier Konkurrenten überboten. In jedem Fall sind die Gmünder Zuschauer immer voll auf ihre Kosten gekommen: Stolze 62 Treffer gab es im Schnitt pro Partie zu sehen. Was zunächst einmal ein positiver Wert ist, da die „Jets“ wieder einmal einen der besten Spielmacher und zugleich zuverlässigsten Werfer in ihren Reihen hatten. 146 Treffer bescherten Aaron Fröhlich den vierten Platz in der Torjägerliste. Die Kehrseite der Medaille: 738 Gegentore – knapp 32 pro Spiel – machten den TSB auf dem Papier zur „Schießbude der Liga“. Und das obwohl das neu gebildete Torhüterduo aus Sebastian Fabian und Daniel Mühleisen rasch hervorragend harmonierte. Kapitän Fabian überließ dem Neuzugang aus Remshalden sogar freiwillig Spielzeiten, um dadurch das Teamgefüge zu stärken. Die „Problemzone Abwehr“ bekamen die Vorderleute allerdings nie dauerhaft in den Griff. Zu schwer wog der Verlust von Stratege Lukas Waldenmaier, der nach der Aufstiegssaison abgetreten war und ebenso das monatelange Fehlen von Thomas Grau. Der 28-Jährige wird aufgrund seiner chronischen Knieschmerzen (Patellaspitzensyndrom) die Handballschuhe vorerst an den Nagel hängen.
Als besonders frustrierend bleibt die Schreckensbilanz vor eigenem Publikum in Erinnerung. Lediglich gegen Mitaufsteiger Fellbach (33:30) behielten die Blau-Gelben beide Punkte und gerieten somit zum schwächsten Heimteam der Liga. Zum Vergleich: In seinen ersten drei BWOL-Spielzeiten hatte der TSB stets mit mindestens zehn Heimsiegen den Grundstein zum (sportlichen) Klassenerhalt gelegt. „Zum ersten Mal überhaupt mussten wir erleben, dass einige unserer Zuschauer schon vor Spielende die Halle verlassen haben“, nannte Michael Hieber im November einen der Gründe, die zur Trennung von Aufstiegstrainer Stefan Klaus geführt hatten. Rilli fügt hinzu: „Wir sind zu spät in der Liga angekommen. Erst nach dem Trainerwechsel ist uns die Integration der Neuzugänge wirklich gelungen.“
 
Hieber selbst machte in der Folgezeit zwar eine „deutlich verbesserte Grundstimmung“ aus. Doch nachdem die TSB-Legende gemeinsam mit Andreas „Rudi“ Rascher auf die Trainerbank zurückgekehrt war, schlug das Verletzungspech gnadenlos zu. Zehn Spiele in Folge blieben die Gmünder zwischenzeitlich sieglos, mussten sich dabei aber keinesfalls mangelnde Courage vorwerfen lassen. Vielmehr machte sich der Mangel an personellen Alternativen bemerkbar: Yannik Leichs (20) und Sven Petersen (21) bildeten gemeinsam mit Tom Abt (17) den wohl jüngsten Rückraum, der jemals in der Oberliga zusammenspielte, konnten die Kohlen aber verständlicherweise nicht alleine aus dem Feuer holen. Während sich der unverzichtbare Aaron Fröhlich immer wieder mit seiner ungeliebten Achillessehne herumplagte, wurde kurzzeitig sogar dessen Zwillingsbruder Simon reaktiviert.
 
Nach dem Jahreswechsel und einer kurzen Vorbereitung bewies die Hieber-Truppe dann zwar, dass sie über die nötige Qualität verfügt, erlebte aber von Woche zu Woche immer wieder einen neuen mentalen Tiefschlag. In Weilstetten wurde der mit der Schlusssirene von Wolfgang Bächle erzielte Siegtreffer von den Unparteiischen aberkannt. Als Tom Abt im Heimspiel gegen Weinsberg faszinierend aufspielte, war es ausgerechnet ein fataler Abspielfehler des Youngsters, welcher zur 32:33-Niederlage führte. Mit dem gleichen Resultat musste sich der TSB auch dem späteren Meister aus Pforzheim beugen – ebenfalls durch einen Gegentreffer in allerletzter Sekunde. Coach Rascher brachte die Pechsträhne treffend auf den Punkt: „Die Zuschauer haben gemerkt, dass unsere junge Mannschaft kämpft und absolut gewillt ist. Das einzige, was letztendlich zu wenig ist, sind die Punkte.“ Der Sieg in Zizishausen war Balsam auf die Gmünder Seele, ehe die Corona-Krise den gesamten Sport abrupt zum Erliegen brachte – und dem TSB schließlich den Klassenverbleib am grünen Tisch bescherte.
Doch auch positive Schlagzeilen bestimmten einen von sportlichen Tiefschlägen durchzogenen Saisonverlauf. Etwa jene Geschichte, die in dieser Form wirklich nur der Sport schreiben kann: Dass Tom Abt zur absoluten Entdeckung dieses Jahres avancierte, bestehen keine Zweifel. Mit frechem Spielwitz und jugendlicher Unbekümmertheit brachte das 17-Jährige Eigengewächs neues Feuer in eine zwischenzeitlich am Boden liegende Mannschaft, spielte Seite an Seite mit seinem Jugendtrainer und sportlichem Ziehvater Aaron Fröhlich plötzlich auf höchstem Niveau. Und das nicht nur um zu lernen, sondern auch um direkt Verantwortung zu übernehmen, wenn es denn nötig war. Sobald Abt den Zweikampf suchte und sich seinen Weg durch die erfahrenen gegnerischen Abwehrrecken bahnte, wirkten seine Bewegungen dermaßen leichtfüßig als würde er schweben. Die 23 Saisontreffer wie auch die hervorragenden Anspiele des flinken Spielmachers waren dürften nur ein erster Fingerzeig in eine große Zukunft gewesen sein. Mit Patrick Watzl feierte ein weiterer A-Jugendlicher sein Aktivendebüt und schickt sich an, künftig Sven Petersen im rechten Rückraum zu entlasten.
 
Eine Entwicklung war auch auf den Flügelpositionen erkennbar: Linksaußen Aleksa Djokic etablierte sich als pfeilschneller Konterspieler mit großem Wurfreportoire und dem nötigen Funken an Emotionen. Sein Pendant Wolfgang Bächle fand nach dem Trainerwechsel endlich wieder zu alter Form zurück. Ein weiterer Mutmacher: Mit Primus Pforzheim agierte der TSB absolut auf Augenhöhe, schrammte in beiden Duellen (29:29 und 32:33) nur haarscharf am ganz großen Coup vorbei.
Was bleibt also von Jahr eins nach der ersehnten Oberliga-Rückkehr? Sein wichtigstes Ziel hat Abteilungsleiter und Interimscoach Hieber jedenfalls erreicht: Eine gefestigte Mannschaft an den neuen Übungsleiter Dragos Oprea zu übergeben. „Im November mussten wir versuchen, alles irgendwie zusammenzuhalten“, resümiert Hieber nach seinem geglückten Comeback auf die Trainerbank, „doch wir haben es geschafft, aus dieser Mannschaft wieder eine Einheit zu formen.“
 
Was aber nichts daran ändert, dass die Mission für Ex-Bundesligaprofi Oprea keinesfalls einfacher wird – ganz im Gegenteil sogar. Erstmals überhaupt wurde die BWOL auf 18 Mannschaften aufgestockt, einschließlich einem verschärften Abstieg: Mindestens vier, jeweils abhängig von der dritten Liga bis zu acht Mannschaften werden sich nach der kommenden Saison verabschieden müssen. Erst Rang zehn würde den sicheren Klassenverbleib bedeuten. Für den Sportlichen Leiter Jürgen Rilli ist deshalb klar: „Wir müssen den Abstiegskampf früher annehmen, um in der Liga zu bleiben. Wir werden aber auch demütiger an die Sache herangehen, weil wir gesehen haben, wie schwer es ist, sich als Aufsteiger zu etablieren.“ Aus den Fehlern des ersten Jahres lernen, so lautet die Devise.
 
Zunächst einmal aber ruhen die Hoffnungen auf einer baldigen Entspannung der Krisensituation und einem Start der Saison im Herbst. Ein regulärer Beginn der Runde 2020/21 allerdings wird von Tag zu Tag unwahrscheinlicher und für den TSB ebenso auch die Durchführung des für den 25.Juli angesetzten Freundschaftsspiels gegen Bundesligist Frisch Auf Göppingen. „Ich denke nicht, dass wir vor Oktober wieder spielen können, zumal wir uns auch umschauen müssen, in welcher Halle“, so Rilli.
 
(Nico Schoch)
 
Die BWOL-Saison des TSB Gmünd in Zahlen
Abschlusstabelle (berechnet nach der Quotientenregel)


Fieberkurve des TSB Gmünd
„Top Ten“: Torschützenliste der BWOL
Christoph Baumann (TuS Schutterwald) 189/44 Tore
Martin Kienzle (TV Bittenfeld II) 159/20 Tore
Timo Durst (TSV Neuhausen/Filder) 151/45 Tore
Aaron Fröhlich (TSB Gmünd) 146/46 Tore
Manuel Mönch (SG Pforzheim/Eutingen) 141 Tore
Cornelius Maas (TSV Zizishausen) 140/10 Tore
Sandro Münch (SG H2Ku Herrenberg) 134/28 Tore
Jan-Philipp Valda (SG Köndringen/Teningen) 131/1 Tore
Christian Fritz (TVS 1907 Baden-Baden) 127/61 Tore
Nick Single (TV Weilstetten) 125/31 Tore
 
TSB-Torschützenliste

Aaron Fröhlich 146 Tore, 46/62 7M (22 Einsätze)
Yannik Leichs 93 Tore, 3/4 7M (23 Einsätze)
Wolfgang Bächle 92 Tore 5/9 7M (23 Einsätze)
Aleksa Djokic 92 Tore, 15/20 7M (23 Einsätze)
Sven Petersen 64 Tore (19 Einsätze)
Jonas Waldenmaier 46 Tore (23 Einsätze)
Thomas Grau 37 Tore 2/2 7M (15 Einsätze)
Max Dangelmaier 34 Tore, 3/5 7M (15 Einsätze)
Tom Abt 23 Tore (18 Einsätze)
Stephan Mühleisen 19 Tore (22 Einsätze)
Dominik Sos 14 Tore,1/2 7M (9 Einsätze)
Tim Albrecht 7 Tore (20 Einsätze)
Daniel Mühleisen 4 Tore (23 Einsätze)
Christian Waibel 2 Tore (21 Einsätze)
Simon Fröhlich (1 Einsatz)
Sebastian Fabian (22 Einsätze)
Patrick Watzl (2 Einsätze)
 
TSB-Sünderliste
Christian Waibel 11 Gelbe Karten, 27 Zeitstrafen, 4 Rote Karten
Stephan Mühleisen 12 Gelbe Karten, 15 Zeitstrafen, 3 Rote Karten
Thomas Grau 4 Gelbe Karten, 15 Zeitstrafen, 1 Rote Karte
Yannik Leichs 11 Gelbe Karten, 6 Zeitstrafen
Sven Petersen 7 Gelbe Karten, 6 Zeitstrafen, 1 Rote Karte
Dominik Sos 2 Gelbe Karten, 4 Zeitstrafen, 1 Rote Karte
Jonas Waldenmaier 4 Gelbe Karten, 4 Zeitstrafen
Wolfgang Bächle 4 Gelbe Karten, 4 Zeitstrafen
Aleksa Djokic 1 Gelbe Karte, 5 Zeitstrafen
Tom Abt 2 Gelbe Karten, 1 Zeitstrafe, 1 Rote Karte
Tim Albrecht 2 Zeitstrafen, 1 Rote Karte
Max Dangelmaier 2 Zeitstrafen
Aaron Fröhlich 1 Gelbe Karte
Michael Hieber 2 Strafminuten
 
Platzverweise: Zwölf Rote Karten sind „Ligaspitze“
Direkte Disqualifiktion: Tim Albrecht, Stephan Mühleisen, Tom Abt, Sven Petersen
Rot (3 Zeitstrafe): Christian Waibel (4), Stephan Mühleisen (2), Dominik Sos, Thomas Grau