Ein Jahr aus Liebe zum Handball

Gerade erst volljährig und schon jetzt Vorbilder für den Nachwuchs: Während ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr beim TSB Gmünd engagieren sich Tom Abt (18) und Sascha Grützmacher (19) sowohl bei den eigenen Handball-Junioren als auch in den Grundschulen. Das eingespielte Duo hat dabei alle Hände voll zu tun – trotz oder gerade wegen Corona.
Schon nach wenigen Wochen schwärmten im Umfeld der Jets alle Beteiligten in den höchsten Tönen von ihren neuen FSJlern. Abteilungsleiter Michael Hieber lobt die beiden Eigengewächse als „herausragende TSBler mit vorbildhaftem sozialen Verhalten“. Tatsächlich kam es sogar schon vor, dass ein Mädchen aus der E-Jugend am Halleneingang trotzig meinte: „Wenn Sascha nicht da ist, gehe ich nicht ins Training!“ Darauf angesprochen, geraten sowohl Grützmacher als auch Tom Abt ein klein wenig in Verlegenheit. Abt gibt das Lob umgehend zurück: „So sehr wie die Kinder und einige andere immer von uns schwärmen, so sehr schwärme ich auch von den Kindern. Die gemeinsame Zeit macht uns riesigen Spaß.“ Für Grützmacher ist es die Bestätigung, „dass wir auf dem richtigen Weg sind. Dieser tolle Zuspruch zaubert uns schon auch ein Lächeln ins Gesicht.“
So prächtig die Vorschusslorbeeren sind, so verdient sind sie auch. Dass die beiden beim Nachwuchs glänzend ankommen, liegt auf der Hand. Immerhin sind sie nicht nur auf dem Spielfeld absolute Leistungsträger – Torwart Grützmacher in der zweiten Mannschaft, Rückraumspieler Abt sowohl in der ersten Mannschaft als auch noch in der A-Jugend – sondern waren in der vergangenen Saison längst als Jugendtrainer engagiert. So wurden die Planungen für das FSJ schon weit vor dem offiziellen Start am 1.Juli in Angriff genommen. Mit großer Euphorie sind die frischgebackenen Abiturienten an ihre neue Aufgabe herangetreten. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht und so nahmen sie während der Sommerferien zum Beispiel gemeinsam Videos auf, an denen sich die Jugendspieler bei ihren Übungen orientieren können. Die „Liebe zum Handball“ war für Grützmacher der Hauptgrund für das FSJ, bereits seit einem Jahr betreut er die C-Junioren des TSB: „Ich habe schon in der Schule gelernt, dass es mir liegt, mit jungen Sportlern zu arbeiten und ihnen etwas beizubringen.“ Den Spaß am Sport, den will auch Abt Tag für Tag vermitteln: „Ich will so oft wie nur möglich in der Halle sein, um selber Handball zu spielen oder anderen beizubringen. Denn es macht mir nicht nur Freude, die Kinder zu begeistern und ihnen bei der Entwicklung zuzusehen, das ist auch allgemein eine ganz wichtige Sache.“
Seit vielen Jahren bildet das FSJ einen zentralen Bestandteil der Nachwuchsförderung beim TSB. Mit Oberliga-Torwart Sebastian Fabian, Drittliga-Schiedsrichter Cristian Marin und auch Djibril M´Bengue, aktuell Profi des Champions League-Teilnehmers FC Porto, bekleidete bereits manch prominenter Name diesen Posten. Dass die Stelle nun erstmals doppelt besetzt wird, sieht Abteilungsleiter Hieber als „weiteren Hinweis, dass wir unsere Jugendarbeit weiter ausbauen und unsere Jugendlichen die höchste Wertschätzung erfahren.“ Gerade in Corona-Zeiten sei es nicht ganz selbstverständlich, dass ein Verein gleich zwei FSJler unterstützt. Diesen finanziellen Aufwand nehme man allerdings gerne in Kauf, wie Hieber betont: „Ich glaube, besser können wir uns personell überhaupt nicht aufstellen. Tom und Sascha haben nun viel mehr Zeit, sich um die Kinder zu kümmern. Deshalb freue ich mich wahnsinnig darauf, zu sehen, wie sich das alles entwickelt.“
Traditionell sei es für den TSB immer am besten, wenn frühzeitig der Bezug zu den aktiven Vorbildern hergestellt werde. Allen voran Abt, der trotz seiner gerade erst 18 Jahre längst nicht mehr aus dem Aktiventeam wegzudenken ist, solle in dieser Hinsicht in die Fußstapfen seines großen Förderers Aaron Fröhlich treten. „Die Kinder lieben Tom“, erzählt Hieber mit einem Lachen im Gesicht, „so viele E-Jugendliche sind bei den Oberliga-Spielen dabei, um ihren Trainer spielen zu sehen.“ Überhaupt ist der positive Einfluss von Fröhlich unübersehbar, immerhin hatte der „Gmünder Trainer des Jahres 2018“ die beiden heutigen FSJler von der D-Jugend an unter seine Fittiche genommen. „Wenn uns eine Person geprägt hat, dann ist es Aaron, da brauchen wir nicht drum herum zu reden“, zeigt sich Grützmacher dankbar. Eine wichtige Bezugsperson als Jugendtrainer sei ebenfalls Markus Knoll gewesen, fügt Abt hinzu: „Beide haben uns früh beigebracht, mit anderen Menschen umzugehen und uns menschlich extrem weitergebracht. Deshalb achten auch wir sehr darauf, wie sich unsere Jugendspieler verhalten.“ Schließlich habe man als Trainer den größten Einfluss auf ein faires, sportliches Auftreten der eigenen Schützlinge auch außerhalb der Sporthalle.
Wie zu Oberliga-Kapitän Fröhlich schauen viele Kinder und Jugendliche nun zu den beiden FSJlern auf. „Wir haben dem Verein bewiesen, dass man auf uns bauen kann und uns damit dieses Standing erarbeitet“, erklärt Grützmacher seine Denkweise: „Ich erwarte persönlich sehr viel von Anderen, aber ich gebe auch sehr viel zurück. Genau das möchte ich vorleben und das spricht für uns beide, Wir wollen das in uns gesetzte Vertrauen unbedingt erfüllen.“ Zugleich erfülle es einen natürlich auch mit Stolz, bereits in jungen Jahren eine solche Vorbildfunktion einzunehmen. Was beim geringen Altersunterschied aber auch nicht besonders schwer sei, so der 19-Jährige: „Dass da zwei junge Trainer kommen, die Handball noch selbst spielen und lernen, macht es deutlich interessanter für die Jungs und dann ist der Respekt automatisch da. Wir sprechen die gleiche Sprache, das ist ein Riesenvorteil.“
Im zweiten Jahr in Folge stellt der TSB in allen Altersklassen mindestens eine Mannschaft, A- und B-Junioren sind mit ihren Erfolgen auf überregionaler Ebene die beiden Flaggschiffe. Diese Tatsache bestätigt, dass die ebenso engagierte wie vielseitige Arbeit Früchte trägt. Der neue Aktivencoach und Ex-Nationalspieler Dragoș Oprea begleitet die A- und B-Jugend inzwischen regelmäßig im Trainingsbetrieb. Bereits seit einem Jahr bietet der TSB außerdem ein altersübergreifendes Torwarttraining, das unter der Regie von Grützmacher weiter ausgebaut wird. Nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch menschlich ergänzt sich das FSJ-Duo aus Keeper und Kreativspieler perfekt. Von Kindesbeinen an trugen die beiden das TSB-Trikot und schlugen in den Jugendteams schon so manch spannende Schlacht gemeinsam. „Wir kennen uns schon ewig und wissen, wie der andere tickt“, beschreibt Abt diese Freundschaft, „das macht es auch für den TSB richtig interessant, weil wir beide einfach richtig Bock auf unsere Aufgabe haben.“ Zumal sich schon früh abzeichnete, dass das Jahr zeit- und arbeitsintensiv werden würde. „Wir ertragen uns auch zusammen eine Ewigkeit in der Halle“, lacht Grützmacher und rechnet vor: Drei oder vier Stunden Training stehen täglich an, so kommen jede Woche 15 Stunden oder mehr in der Halle zusammen.
Jetzt, wo bis mindestens Januar an Hallentraining nicht zu denken ist, treiben beide das Online-Vereinsleben beim TSB voran. „Wir wollen den Handballsport direkt zu unseren Jugendspielern nach Hause bringen“, so Abt. Zum einen werden den einzelnen Teams regelmäßige Online-Trainingseinheiten angeboten. Eine Möglichkeit, die nicht unbedingt aus sportlichen Gründen wichtig ist, sondern allein dafür, dass sich die jungen Handballer sehen und sportlich verausgaben können – wenn auch nur einzeln vor den Bildschirmen anstatt in gemeinsam in der Halle. Gleichzeitig wurde beim TSB eine „Meet & Greet“ - Reihe mit den drei aus Gmünd stammenden Handballprofis ins Leben gerufen. Max Häfner vom TVB Stuttgart, machte den Anfang und nahm sich in einem Video-Meeting über 90 Minuten Zeit für die Fragen der Kids. Noch vor Weihnachten sind Djibril M´Bengue (FC Porto, bis 2015 beim TSB) und Nationalspieler Kai Häfner (MT Melsungen, bis 2007 beim TSB) zu Gast bei diesen virtuellen Fragestunden. „Diese großen Vorbilder ein Stück weit persönlich kennenzulernen zu dürfen, ist in dieser Form sicherlich einzigartig“, findet Hieber.
Zum festen Programm des FSJ gehört derweil auch der Erwerb einer Übungsleiterlizen, dazu sind regelmäßige Schulungen an der Landessportschule in Albstadt angesetzt. Aktiv ist das Duo aber nicht nur in den eigenen Reihen, sondern zuallererst als Sympathieträger für den Handball. Hauptsächlich an der Mozartschule in Hussenhofen, aber auch an weiteren Schulen rund um Gmünd sollen sie beim Nachwuchs Freude an der Bewegung und den Sportarten entfachen. Dabei teilen sich die Vollblut-Handballer viele Aufgaben, erledigen vieles aber auch gemeinsam. Die allermeisten Kinder erleben in diesen Sportstunden ihren ersten Kontakt mit dem Handballsport, der zumeist eben doch im Schatten vom allgegenwärtigen „König Fußball“ steht. „Wir wollen den Kids einfach zeigen, dass Handball auch richtig Bock machen kann“, so umfasst Abt seine persönliche Zielsetzung.
Spannend ist in diesem Hinblick insbesondere die Grundschulliga. Eine Innovation, die in der Landeshauptstadt Stuttgart schon recht weit ist und dort auch regelmäßig ausgespielt wird. Im Modus „Jeder gegen Jeden“ treten dabei gemischte Mannschaften aus Dritt- und Viertklässlern gegeneinander an. Die Grundschulen Mutlangen und Ruppertshofen habe man unlängst für die Grundschulliga gewinnen können, berichten Abt und Grützmacher: „Wir hoffen, dass sich das trotz Corona erfolgreich gestalten lässt.“ Die Austragung ist für das Frühjahr 2021 geplant – wenn es denn die Situation zulässt. Gleiches gilt auch für das ganz große Projekt, dass während dem FSJ innerhalb des Vereins gestemmt werden soll. Ob die Nachwuchsteams des TSB im neuen Jahr ber wie geplant an einem internationalen Handballturnier teilnehmen können, dahinter steht aufgrund der Pandemie ein ganz dickes Fragezeichen. Die Hoffnung darauf haben die beiden Gmünder Handball-Vorbilder aber noch längst nicht aufgegeben.

(Text und Bilder: Nico Schoch)